Vor einigen Jahren, als ich als Pfarrer in einer Gemeinde der Protestantischen Kirche in Genf tätig war, betraute unser Pfarrer einen Kollegen mit der Begleitung von „hörgeschädigten“ Menschen. Nach über einem Jahr erzählte uns dieser Kollege etwas, das mich tief bewegte: „Meine Freunde, durch das Zusammenleben mit Hörgeschädigten habe ich das Gefühl, meine normale Sprache zu verlieren … Ich fange an, wie sie zu sprechen.“ Wir waren überwältigt, schockiert. Der Kontakt, die Begegnung hatte seine Sprache verändert! Und seitdem lassen mich diese Worte nicht mehr los. Heute morgen verspüre ich eine vergleichbare Angst. Nämlich die Sorge, mit euch in einer Sprache zu sprechen, die durch den Kontakt, die durch echte Begegnungen verändert wurde.
Denn auch ich habe Zeit mit Menschen verbracht, die verzweifelt waren. Auch ich habe mit Menschen gearbeitet, die auf der Suche nach dem kleinsten Hoffnungsschimmer waren: Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsopfer, Hunger Leidende oder solche, die unter den großen Pandemien in Afrika und Asien litten. Ich habe meine gewohnte Art, zu denken und zu reden, dabei nahezu verloren und spreche nur noch ihre Sprache: die Sprache des Leidens, der Verzweiflung, der unterdrückten Schreie auf der Suche nach einem kleinen Schimmer Leben. (…) Doch heute Morgen, am Erntedanktag nehme ich diese Sprache an. Denn im Licht von Jesaja 58 verwandelt sich diese Sprache des Leidens und der Suche nach Hoffnung in eine prophetische Sprache; diese Sprache wird zu einer Hoffnungsträgerin, ja zu einer Mission.
Gott sagt: „Teile dein Brot mit den Hungrigen, nimm die Obdachlosen in dein Haus auf, bedecke die Nackten und wende dich nicht von deinem Nächsten ab.“ (Jesaja 58)
Mit anderen Worten: Wahre Dankbarkeit – Erntedank - beschränkt sich nicht auf unsere Worte. Sie drückt sich in konkreten Taten der Solidarität aus. Gott möchte, dass wir uns eine andere Sprache aneignen: nicht die der Gleichgültigkeit, sondern die der Solidarität. Er ruft uns dazu auf, Werkzeuge in seinen Händen zu werden, um seine Liebe an Menschen weiterzugeben, die Hoffnung suchen. Es ist, als ob er sagen wollte, Gott habe keine anderen Hände als unsere. Denken wir immer daran, dass Dankbarkeit, die überfließt und sich im Teilen äußert, Leid in Hoffnung verwandelt. Und genau das ist unsere Freude! Das ist die Bedeutung unseres heutigen Erntedanktages! Und das ist unsere prophetische Mission!
Gott segne uns alle, Amen!
Pfarrer i.R. Pedro Tunga
